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Gedenkkult

Neonazistische Gruppen pflegen eine Gedenk- und Erinnerungskultur, die sich stark an Ereignissen und Personen aus der NS-Zeit orientiert und einseitige bzw. revisionistische Geschichtsbilder vermittelt. Insbesondere die öffentlich inszenierten Gedenken an deutsche Opfer alliierter Luftangriffe eignen sich aus Sicht der Rechtsextremisten, um die Schuld für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges umzudeuten und die Verbrechen des NS-Regimes zu relativieren.

Kundgebungen finden etwa an Jahrestagen der Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg statt. Die anlässlich des Jahrestages der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg durchgeführten Kundgebungen stehen seit Jahren fest im Terminkalender der Rechtsextremisten. Ebenfalls etabliert haben sich rechtsextremistische Veranstaltungen anlässlich des staatlichen Volkstrauertags. Der Volkstrauertag fällt in Deutschland seit 1952 jährlich auf den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent. Der staatliche Gedenktag dient dem Andenken an alle Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft.

Rechtsextremisten nehmen den Volkstrauertag hingegen zum Anlass, um ausschließlich der deutschen Gefallenen und Kriegsopfer aus beiden Weltkriegen zu gedenken. Der Volkstrauertag wird zu einem verklärenden „Heldengedenken“ uminterpretiert, das auch Angehörige der Waffen-SS ausdrücklich miteinschließt. Das Kriegsende wird im Rahmen entsprechender Veranstaltungen nicht positiv interpretiert, sondern in erster Linie als Ende der deutschen Souveränität beklagt.

Rechtsextremistische Gedenkveranstaltungen dienen oftmals auch als Kulisse für Vernetzungsaktivitäten der internationalen rechtsextremistischen und neonazistischen Szene. Tradition hat inzwischen beispielsweise die Teilnahme von Aktivisten der neonazistischen Partei Der Dritte Weg (III. Weg) am sogenannten „Tag der Ehre“ in Budapest, der regelmäßig am 11. Februar stattfindet. Mit dieser Veranstaltung wollen ungarische Rechtsextremisten gemeinsam mit internationalen Gesinnungsgenossen an die Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg durch die sowjetische Armee erinnern. Gedacht wird vor allem einer Gruppe von ungarischen und deutschen Einheiten, die damals die Belagerung durchbrechen konnten. Ebenfalls reisen rechtsextremistische Aktivisten aus dem Ausland regelmäßig zu Gedenkkundgebungen der Szene nach Deutschland an. Beispielsweise nahmen Vertreter der aus Skandinavien stammenden nordischen Widerstandsbewegung mehrmals an Veranstaltungen des III. Wegs in Bayern teil.

Glorifizierung der Waffen-SS

Die Glorifizierung der Waffen-SS ist in rechtsextremistischen Kreisen nach wie vor identitätsstiftend. So veranstalten Rechtsextremisten seit über 30 Jahren in Bad Reichenhall ein geschichtsrevisionistisches Gedenken mit Reden und Kranzniederlegungen: Im Bad Reichenhaller Ortsteil Karlstein wurden am 8. Mai 1945 12 Angehörige der französischen Waffen-SS-Division Charlemagne hingerichtet. Diese SS-Division bestand überwiegend aus kollaborierenden französischen Freiwilligen. Die Überlebenden wurden am Ende des Krieges in der Kaserne der Gebirgsjäger in Bad Reichenhall interniert. Nach einem missglückten Fluchtversuch wurden zwölf von ihnen am 8. Mai 1945 hingerichtet. Ein nach dem Krieg im Ortsteil Karlstein errichtetes Mahnmal haben die Behörden im Oktober 2007 entfernt und auf den örtlichen Friedhof St. Zeno verlegt.