Autonome, Postautonome, Anarchisten

Die Schwerpunkte der linksextremistischen autonomen Szene in Bayern sind München sowie der Großraum Nürnberg/Fürth/Erlangen.

Antifa-NT

Logo der Antifa-NT

Die Gruppe Antifa-NT vertritt einen postautonomen Antifaschismus, der darauf abzielt, die bestehende Gesellschaftsordnung durch eine klassenlose Gesellschaft zu ersetzen. Sie pflegt bundesweite Kontakte zu anderen autonomen und postautonomen Gruppierungen und trat im Herbst 2015 dem linksextremistischen „… ums Ganze!“-Bündnis bei, in dem sich gewaltorientierte linksextremistische Gruppen aus Deutschland und Österreich organisieren.

Antifa-NT nutzt die Räumlichkeiten des „Kafe Marat“, das Teil eines selbstverwalteten Kulturzentrums ist. Das „Kafe Marat“ dient Linksextremisten, insbesondere Autonomen, als Treffpunkt, logistisches Zentrum und Informationsbörse. Daneben nutzen auch andere nicht-extremistische kulturelle und gesellschaftliche Gruppen das „Kafe Marat“ für Treffen und Veranstaltungen.

Antifa-NT ist an der bundesweiten Protest-Mitmachkampagne Nationalismus ist keine Alternative (NIKA) beteiligt, die im Nachgang eines bundesweiten Treffens autonomer Gruppen in Frankfurt am Main im Januar 2016 entstand. NIKA, eine linksextremistische Kampagne gegen einen angeblichen Rechtsruck in der Gesellschaft, wurde in Bayern am 26. Mai 2018 in Nürnberg ausgerufen. An der Kampagne sind neben der Antifa-NT auch andere linksextremistische Gruppierungen beteiligt, darunter die Infogruppe Rosenheim, Contre la Tristesse und Auf der Suche (ADS).

Antikapitalistische Linke München (AL-M)

Logo der AL-M

Die AL-M ist eine revolutionär-kommunistisch ausgerichtete postautonome Gruppierung und folgt marxistisch-leninistischen und trotzkistischen Ideologieelementen.

Nach ihrer Selbstdarstellung ist ihr Ziel die Beseitigung des demokratischen Verfassungsstaates und die Errichtung eines kommunistischen Systems:

Notwendig ist: die Revolution. […] Die revolutionäre Theorie, um die Welt zu begreifen und sie zu verändern, ist der Marxismus. Die einzige Alternative zum heutigen Kapitalismus ist eine andere Gesellschaft: Der Kommunismus – dafür kämpfen wir.

Die AL-M ist ein Bindeglied zwischen dem traditionell kommunistisch ausgerichteten Spektrum des Linksextremismus und der autonomen Szene. Die Internetseite der AL-M dient als Mobilisierungsplattform für das gesamte linksextremistische Spektrum in München. Dort wird nicht nur zu autonomen Gruppen wie Antifa-NT verlinkt, sondern auch zu linksextremistischen Parteien und Organisationen wie der Roten Hilfe und der SDAJ München. Die Gruppierung ist bei mehreren Themen, die von Linksextremisten besetzt werden, aktiv, z. B. bei Aktionen zum Antimilitarismus.

Bereits seit einigen Jahren ist die AL-M in das Bündnis Perspektive Kommunismus (PK) eingebunden. Diesem 2014 gegründeten, überregionalen Bündnis gehören noch weitere Gruppierungen aus Baden-Württemberg und Hamburg an.

Organisierte Autonomie

Logo der Organisierten Autonomie

Die OA ist ein Zusammenschluss eigenständiger autonomer Gruppen, der sich als offenes Projekt versteht. Dabei spiegelt der Name den Widerspruch zwischen jeglicher Ablehnung von Strukturen einerseits und dem erforderlichen Mindestmaß an Organisation zur Zielerreichung andererseits wider. In ihrer Selbstdarstellung tritt die OA für eine kommunistische Gesellschaftsordnung ein, die im kontinuierlichen Kampf gegen die herrschende Ordnung erreicht werden soll. Ziel der OA ist es demzufolge, den „Klassenkampf von unten“ zu organisieren.
 
Das von der OA verfolgte linksextremistische Antifaschismusverständnis wird in einer von ihr herausgegebenen Broschüre deutlich:

Faschismus ist kein geschichtlicher Betriebsunfall, sondern ein gern genutztes Mittel der herrschenden, kapitalistischen Klasse zur Aufrechterhaltung ihres menschenverachtenden Systems“.

Die OA nutzt Treff- und Veranstaltungsörtlichkeiten im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Zu diesen gehört das Selbstverwaltete Kommunikationszentrum Nürnberg e. V. (KOMM e. V.), das Anlaufstelle für viele linksextremistische Gruppierungen ist. In Gostenhof veranstaltet die OA auch ihre jährliche „revolutionäre 1. Mai-Demonstration“ und das im Anschluss daran stattfindende „Internationalistische Straßenfest“. An dieser Veranstaltung nehmen regelmäßig mehrere hundert Personen der linksextremistischen autonomen Szene teil.

Schwerpunkt der politischen Agitation der OA war 2019 die „Antigentrifizierung“. Im Fokus stand dabei die von der Stadt Nürnberg anvisierte Umgestaltung beziehungsweise Umplanung des Jamnitzerplatzes. Unter dem Motto „Reclaim Gostenhof“ organisierte die OA zahlreiche Initiativen, Aktionen und Veranstaltungen mit dem Ziel, die Örtlichkeit als eigenes Betätigungs- und Rückzugsgebiet zu beanspruchen.

Revolutionär Organisierte Jugendaktion (ROJA)

Logo der Revolutionär Organisierten Jugendaktion (ROJA)

Die ROJA ist eine autonome Jugendorganisation in Nürnberg. In ihrem Selbstverständnis beruft sie sich auf den Marxismus und fordert neben einem konsequenten Antikapitalismus auch Klassenkampf und Revolution:

Bewusst sind wir auch der Tatsache, dass dieses menschenverachtende System, in dem eine kleine Minderheit sich an dem Elend aller anderer bereichert, nicht ohne den Klassenkampf aller Ausgebeuteten und Unterdrückten – und nicht ihrer StellvertreterInnen – gegen die AusbeuterInnen und UnterdrückerInnen abgeschafft werden kann.

ROJA hält engen Kontakt zur ebenfalls in Nürnberg aktiven Organisierten Autonomie (OA).

Die ROJA organisiert die jährlich stattfindende „Woche der internationalen Solidarität“, die im Jahr 2019 vom 13.bis 20. Juli stattfand. Hier wurden Themen wie „Cornern & Sprayen“, „Kriegspropaganda und Kulturindustrie“, „Klimakämpfe und Perspektiven“ und „Antifakämpfe europaweit“ vorgestellt und diskutiert. ROJA begreift sich selbst als „Teil des Mosaiks weltweit geführter fortschrittlicher sozialer Kämpfe“ und möchte durch die Aktionswoche auf internationale Kämpfe aufmerksam machen und Solidarität zeigen. 

Interventionistische Linke (IL)

Logo der Interventionistischen Linken Nürnberg (IL-N)

Die IL wurde 2005 als bundesweites Netzwerk mit dem Ziel einer verbindlichen Organisierung gegründet. Mit der Veröffentlichung des „Zwischenstandpapiers“ im Oktober 2014 wurde die IL zu einer bundesweiten Organisation umgeformt. Ideologisch orientiert sich die IL am Marxismus/Kommunismus. Sie versteht das bestehende Gesellschaftssystem als eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die herrschende Klasse (Kapitalisten) die Arbeiterklasse (Proletariat) ausbeutet und unterdrückt. Ziel der IL ist die Abschaffung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung und die Installation einer klassenlosen Gesellschaft. Dabei fokussiert sie sich nicht ausschließlich auf regionale Protestaktionen, sondern wirkt an der Vorbereitung überregionaler Aktionen mit.

Die IL arbeitet bundesweit in bürgerlichen Kampagnen und Bündnissen mit und versucht, linksextremistische Themen und Ansichten in diese zu integrieren. Dabei fungiert sie als „Scharnier“ zwischen gewaltbereiten und nicht gewaltbereiten linksextremistischen Akteuren sowie nicht-extremistischen Kampagnen und Bündnissen. So ist die IL beispielsweise maßgeblich in viele Aktivitäten der bundesweiten Kampagne „Ende Gelände“ involviert:

„Als Interventionistische Linke sind wir von Anfang an bei Ende Gelände dabei und waren auch dieses Jahr (2018) in den verschiedenen Arbeitsgruppen des Bündnisses und in den Fingern der Aktion beteiligt.“

Auch in Bayern beteiligt sich die IL an Veranstaltungen von „Ende Gelände“, wie z. B. an der „Critical Mass“-Demonstration zum „Global Strike Day“ am 20. September 2019.

Die IL verfügt in Bayern über Ortsgruppen in Aschaffenburg, München und Nürnberg.

Antifaschistische Linke Fürth (ALF) und Jugendantifa Fürth (JAF)

Logo der Antifaschistischen Linken Fürth

Das Antifaschismusverständnis der ALF zielt auf die Überwindung des bestehenden Systems als angebliche Ursache faschistischer Erscheinungsformen ab. Anlassbezogen wirkt die ALF auch in regionalen, nicht-extremistischen Bündnissen mit.

Auf eine Initiative der ALF geht die Gründung der JAF zurück. Durch die JAF werden junge Menschen an die autonome Szene in Fürth herangeführt. Auch die JAF versteht unter Antifaschismus weit mehr als nur einen Kampf gegen Rechtsextremismus. Nach ihrem Verständnis muss Antifaschismus immer auch das Ziel haben, die kapitalistischen Verhältnisse und die bestehende staatliche Ordnung zu überwinden.

Aktivisten der ALF nehmen regelmäßig an der revolutionären 1.-Mai-Demonstration in Nürnberg sowie an der Vorabenddemonstration am 30. April in Fürth teil. Im Zusammenhang mit der Europawahl am 26. Mai 2019 beteiligten sich Aktivisten der ALF an der Beseitigung von Wahlplakaten der Partei Der Dritte Weg (III. Weg). Am 12. Oktober 2019 trat in Nürnberg ein Aktivist der ALF als Redner auf der Demonstration „Gegen rechte Netzwerke im Staat und auf der Straße“ auf.

La Resistance – antifaschistische Jugendgruppe Ingolstadt (LARA)

Logo von La Resistance – antifaschistische Jugendgruppe Ingolstadt (LARA)

Die autonome Gruppe LARA hat sich Ende 2011 gegründet. Nach eigenen Angaben wurde der französische Begriff „la Résistance!“ als Selbstbezeichnung gewählt, um den Widerstand gegen Missstände zu organisieren und Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu äußern.

So erklärte die Gruppe:

Neues schaffen heißt Widerstand leisten, Widerstand leisten heißt Neues schaffen.

Unter Bezugnahme auf die marxistische Ideologie greift die Gruppe auf antikapitalistische Argumentationsmuster des Kommunismus zurück:

Für uns verlaufen die Grenzen nicht zwischen Menschen, sondern zwischen den Widersprüchen gesellschaftlicher Besitzverhältnisse. Es kann nicht sein, dass Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, und Andere davon leben.

Die Gruppe richtet ihre Agitation u. a. gegen die Partei Alternative für Deutschland (AfD). Im Zusammenhang mit der Asylthematik unterstützte sie im Aktionsfeld Antirassismus das Aktionsbündnis „Fluchtursachen bekämpfen“, das überwiegend von linksextremistischen, teils auch autonomen Gruppen getragen wird.

LARA nahm an der Kundgebung zum 1. Mai 2019 in Ingolstadt teil. An dem Aufzug beteiligten sich insgesamt circa 1.300 Personen, darunter auch Anhänger der MLPD. Während der Kundgebung am Paradeplatz in Ingolstadt zündeten LARA-Aktivisten Pyrotechnik.

Mit den Worten „Auf nach München, merkt euch den Termin vor!“ teilte LARA einen Demonstrationsaufruf für den 8. November 2019. Die Demonstration fand unter dem Motto „Widerstand heißt Handeln!“ zum Gedenken an Georg Elser statt.

Autonome Szene Rosenheim

Logo der Infogruppe Rosenheim

In Rosenheim und Umgebung ist eine linksextremistische autonome Szene entstanden, die unter verschiedenen Bezeichnungen auftritt und mit dem „Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung“ über einen Treffpunkt verfügt, an dem sie regelmäßig Veranstaltungen durchführen kann. Die besonders gut vernetzte Gruppe dieser Szene ist die Infogruppe Rosenheim. Sie bezeichnet sich selbst als „autonom, antifaschistisch, emanzipatorisch“. Die Infogruppe pflegt überregionale Bündnisse zu anderen linksextremistischen Gruppen in Südbayern und Österreich.

Eine weitere Gruppe nennt sich AGIR – Demokratische Jugend. Der Gruppenname dürfte sich von dem kurdischen Wort für Feuer oder Flamme, „agir“ ableiten. Die regional und überregional agierende Gruppe ist seit Ende 2015 bekannt. Bei Aktionen von „AGIR“ konnten 30 Personen mit Bezug zur Gruppe festgestellt werden. Dabei handelt es sich größtenteils um Jugendliche, zum Teil noch um Schüler. Die Mitglieder pflegen Kontakte zur autonomen Szene und zu PKK nahen Organisationen. AGIR unterstützt den Kampf kurdischer Aktivisten in Syrien.

Darüber hinaus treten Autonome aus Rosenheim unter den Bezeichnungen Contre la Tristesse, und Offenes antifaschistisches Plenum Rosenheim auf.

Die linksextremistische Szene in Rosenheim, darunter Contre la Tristesse und die Infogruppe Rosenheim, nahm an mehreren Veranstaltungen gegen Auftritte von Michael Stürzenberger, der zentralen Person der verfassungsschutzrelevanten islamfeindlichen Szene in Bayern, in Rosenheim teil, darunter am 14. Juli und 21. September 2019. Diese wurden von einem bürgerlichen Bündnis, in dem auch die Infogruppe Rosenheim vertreten ist, organisiert.

Am 11. Mai 2019 organisierten Contre la Tristesse und die Infogruppe Rosenheim eine Zugfahrt nach München, um dort gegen den „1.000-Kreuze-Marsch“ zu demonstrieren. Die Gegendemonstration unter dem Motto „Für die (Religions)befreite Gesellschaft – Fundis zur Hölle jagen!“ wurde unter anderem vom linksextremistischen Bündnis Nationalismus ist keine Alternative (NIKA) organisiert.

Anarchistische Gruppe München (Bibliothek Frevel)

Logo der Anarchistischen Bibliothek Frevel

In München besteht eine Gruppe von Anarchisten, die durch publizistische Aktivitäten und das Betreiben einer Bibliothek die anarchistische Ideologie verbreiten wollen. Sie eröffneten im Sommer 2016 in München die „Anarchistische Bibliothek Frevel“. Die Bezeichnung Frevel geht vermutlich auf den anarchistischen Autor Walter Borgius (1870–1932) zurück, der in seinem Werk „Die Schule – ein Frevel“ die Schule als Herrschaftsmittel zur Züchtung gehorsamer Untertanen darstellt. Die Bibliothek will den „Zugang zu den Gedanken und Kämpfen anderer Revoltierender“ ermöglichen.

Die anarchistische Gruppe billigt Straf- und Gewalttaten als Mittel zur Zerstörung der bestehenden Ordnung. So lag in ihrer Bibliothek die anarchistische Straßenzeitung „Fernweh“ aus, die linksextremistische Straftaten positiv bewertet. Bis Ende 2019 wurden 31 Ausgaben der Publikation veröffentlicht.

Im Zusammenhang mit ihrer Kritik an der Politik der Türkei und an Deutschland als Waffenexporteur sprechen die Autoren davon, dass nur ein „eigener Wille und eine zündende Idee“ nötig seien, um „das Töten zu beenden und den Militarismus zu attackieren“. Dies weist implizit auf die Brandanschlagsserie in München hin, die auch gegen die Rüstungsindustrie gerichtet war. Die Autoren begrüßen die Taten und fordern indirekt jene auf, die sich gegen Militarismus engagieren wollen, es den Brandstiftern gleich zu tun.

2019 hat sich das anarchistische Verlagskollektiv „V. Lenzer“ gegründet, um eigenen Angaben zufolge „anarchistische Literatur und Kultur möglichst allen zugänglich zu machen“.

Regelmäßig finden Treffen in den Räumlichkeiten des „Frevel“ statt.

Neben den Verlagstreffen ist das „Frevel“ auch regelmäßig Veranstaltungsort für Vorträge, Diskussionsabende und Filmvorführungen. Im Zentrum stehen hier aktuelle Ereignisse, wie die „Gelbwestenbewegung“ oder „politische Gefangene“, die aus anarchistischer Perspektive aufbereitet und diskutiert werden.

Auf der Suche (ADS)

Logo von Auf der Suche (ADS)

Die Gruppe ADS versteht sich als eine anarchistische Gruppierung. Sie ist Mitglied der Föderation deutschsprachiger Anarchist_innen. Das Feindbild aller anarchistischen Strömungen ist der Staat. Er gilt im anarchistischen Denken als repressive Zwangsinstanz, die zugunsten einer herrschaftsfreien Gesellschaft aufgelöst und zerschlagen werden müsse:

„Wir als AdS (Auf der Suche) sehen uns als antiautoritär und antinational. Da wir es nicht für sinnvoll halten politische Verantwor­tung nach repräsentativem Prinzip zu delegieren, lehnen wir den Staat als gesellschaftliche Organisationsform grundsätzlich ab, sowie die Nation als legitimationsstiftendes Element für eben diesen. Um diese Verhältnisse zu überwinden sehen wir eine so­ziale Revolution als notwendiges Mittel an, die auf jeder Ebene geführt werden muss und welche die Reflexion jedes Menschen erfordert.“
(Fehler aus dem Original übernommen)

AdS engagiert sich hauptsächlich im Nürnberger Szenetreff „Projekt 31“ (p31). Hier organisiert die Gruppe regelmäßig Veranstaltungen zu den Themen „Anarchismus“ und „Selbstverwaltung“. So lud AdS am 28. Mai 2019 zu einem Vortrag der anarchistischen Gruppe „Die Plattform“ zum Thema „Warum wir eine dritte anarchistische Föderation für den deutschsprachigen Raum brauchen“ im p31 ein.